Viele Menschen fühlen sich dauerhaft gestresst, innerlich unruhig oder emotional erschöpft – obwohl „eigentlich alles okay“ ist. Dieser Text handelt von Gefühlen, dem Nervensystem und davon, warum Funktionieren oft ein Zeichen von Überforderung ist, nicht von Stärke.
Gefühle nerven. Punkt. Nicht, weil sie falsch sind, sondern weil sie oft genau dann auftauchen, wenn man eigentlich funktionieren oder einfach in Ruhe gelassen werden möchte.
Ich wollte eine gute Mutter sein, eine verlässliche Partnerin, eine Freundin, die da ist, eine Tochter, die sich kümmert. Also habe ich gelernt, weiterzumachen und zu funktionieren – so wie viele von uns. Still, kompetent, müde.
Aber mein Nervensystem und mein Körper hatten andere Pläne.
Manchmal hätte ich einfach gern meine Ruhe. Nicht innere Einkehr, nicht Selbsterkenntnis, sondern einfach Ruhe. Und dann sind sie da: Gefühle. Ungefragt, unsortiert, manchmal laut, manchmal wie Watte. Traurigkeit beim Zähneputzen oder dann, wenn es um mich herum stiller wird und es gerade nichts zu tun gibt. Wut an der Supermarktkasse oder den Kindern gegenüber, die nicht „mitmachen“ wollen. Dieses dumpfe Gefühl von Irgendwas stimmt nicht, obwohl objektiv alles okay ist.
Gefühle nerven. Punkt.
Wir leben in einer Welt, in der Gefühle bitte handhabbar sein sollen. Traurig, aber nicht zu lange. Wütend, aber bitte sachlich. Überfordert, aber reiß dich zusammen. Also machen wir, was wir gelernt haben: Wir halten durch, wir passen uns an, wir funktionieren. Und unser Nervensystem macht mit. Eine ganze Weile.
Viele Menschen sagen dann Dinge wie: „Ich weiß gar nicht, was ich fühle.“ „Ich bin ständig unruhig.“ „Mein Körper macht komische Sachen.“ „Eigentlich müsste ich doch dankbar sein.“
Das sind keine Schwächen und keine falschen Einstellungen. Das sind Körper, die zu lange wachsam waren. Dauerhafter Stress wirkt direkt auf das Nervensystem und verändert, wie wir Gefühle wahrnehmen – oder eben nicht mehr wahrnehmen.
Manchmal sind Gefühle nicht dramatisch, sondern kaum spürbar. Erschöpfung, Leere, dieses innere Wegsein, während man nach außen alles im Griff hat. Auch das nervt – vielleicht sogar mehr als das Weinen. Denn wenn nichts mehr richtig wehtut, fühlt sich oft auch nichts mehr lebendig an.
Gefühle entstehen nicht nur im Kopf. Sie wohnen im Körper, auch wenn viele von uns das erst einmal gar nicht spüren. In der Enge im Brustkorb, im flachen Atem, im zusammengezogenen Bauch, im Schoßraum, der still geworden ist oder ständig unter Spannung steht. Der Körper erinnert sich, auch dann, wenn der Kopf längst beschlossen hat, dass alles vorbei sein sollte. Nicht, weil etwas falsch ist, sondern weil uns etwas schützen wollte.
Vielleicht geht es also gar nicht darum, Gefühle endlich loszuwerden oder „in den Griff zu bekommen“. Vielleicht geht es darum, ihnen nicht ständig auszuweichen. Nicht groß, nicht perfekt und ganz sicher nicht therapeutisch korrekt, sondern in kleinen Momenten.
Fünf Minuten vielleicht. Fünf Minuten, in denen nichts gelöst werden muss und dein Nervensystem merken darf: Ich bin gerade sicher. So wie dieser Moment am Meer, wenn der Blick weit wird, der Atem tiefer und der Körper ein kleines bisschen loslässt, bevor der Kopf wieder übernimmt.
Gefühle nerven. Aber sie sind keine Feinde. Sie sind Hinweise. Leise, unbequem, ehrlich. Und vielleicht beginnt deine Reise nicht mit einer großen Erkenntnis, sondern mit einem kurzen Innehalten.
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Ein sanfter Einstieg. Mehr nicht. Aber manchmal reicht genau das.
Ines Hefter ist Yoga-Lehrerin, Coachin und Mama. Sie begleitet Frauen, die sich selbst wieder spüren wollen – jenseits von Überforderung, Reizflut und innerer Anspannung.
9 Kommentare
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